Eine Menge Hirn liegt auf dem nächtlichen Asphalt
Der erste Satz
Der Grund dafür, dass der Kopf von Capitaine Mokrane Méguelati vom Regionalbüro des Inlandgeheimdienstes gerade von einer Kugel vom Kaliber 12 mm zerfetzt worden ist, die mit einer Mündungsgeschwindigkeit von 380 m pro Sekunde aus einer Taurus-Pumpgun mit einem 51 Zentimeter langen Lauf abgefeuert wurde, einer Waffe in der Hand von Brigadier Richard Garcia von der Police Municipale, ist zweifellos in den geopolitischen Wirren zu suchen, die sich fernab von dieser unter einer Hitzewelle leidenden Vorstadt abspielen. (Im französischen Original endet der erste Satz hier noch nicht, weshalb die in der deutschen Übersetzung in einen zweiten Satz gefasste Fortsetzung hier angefügt sei:) Die Vorstadt liegt oberhalb einer grossen Hafenstadt im Westen, die bekannt ist für ihre aberwitzig hohe Arbeitslosenquote, ihre vor sich hin rottenden Werften und ihren Wiederaufbau in einem elegant stalinistischen Stil nach den Bombardierungen von 1944.
Krimi der Woche ∙ N° 11/2025 ∙ Hanspeter Eggenberger
Eine Menge Hirn liegt schon auf der ersten Seite auf dem nächtlichen Asphalt. Der französische Autor Jérôme Leroy fackelt in „Die letzte Französin“ nicht lange, sondern kommt schnell und direkt zur Sache. Er braucht denn auch nur knapp hundert Seiten, um diesen Noir-Roman von der Schiesserei am Anfang zu einem explosiven Finale zu treiben. Und bringt dabei auch noch erhellende Rückblenden unter. Und die eine oder andere Abschweifung, die weitere Facetten der Stimmung im Land illustrieren.
Brutal und düster, gleichzeitig aber auch mit Witz befasst sich Leroy einmal mehr mit den Zuständen in seinem Land, in dem die Rechten immer mehr Macht haben. In der Hafenstadt im Westen stellt der Patriotische Block – unschwer als literarische Version des Rassemblement National von Marine Le Pen zu erkennen – den Bürgermeister. Um zu beschreiben, was das bedeutet, bleibt Leroy nur bitterer Sarkasmus. So verwandeln etwa bei der Schiesserei, die zum Tod von Capitaine Mokrane Méguelati führt, „Kalaschnikowsalven die Bar de l’Amitié in einen Vorposten von Mossul, Aleppo oder Kobanê, Sie wissen schon, in einen dieser Orte, wo der christliche Westen der islamistischen Barbarei mutig Einhalt gebietet. So würde es zum Beispiel der neu gewählte Bürgermeister des Patriotischen Block ausdrücken, um anschliessend Kindern von Arbeitslosen das Anrecht auf einen Krippenplatz zu streichen.“
Terrorismus und die Eskalation der Gewalt in den Vorstädten sind die Themen dieses kleinen, deswegen aber nicht weniger brisanten Romans. Und dass weder die Politik noch die Polizei und die Geheimdienste darauf auch nur halbwegs sinnvolle Antworten haben. Dem damit befassten Capitaine, dessen Hirn nun auf der Strasse liegt, war zuvor schon klargeworden, „dass die Terrorabwehr ihre eigene Logik hat, die jeder Logik entbehrt“.
Im Lokal, das ironischerweise Bar de l’Amitié – Bar der Freundschaft – heisst, war er, um einen Informanten aus der islamistischen Szene zu treffen, der von einem grösseren Anschlag gehört hat, der bevorstehen soll. Das versetzt die Terrorbekämpfer zwar in helle Aufregung, doch wann und wo etwas geschehen könnte, bleibt ihnen verborgen. Und was dann passiert, überrascht nicht nur sie.
Wertung: 4,1 / 5
Jérôme Leroy: Die letzte Französin
(Original: La petite gauloise. La Manufacture de livres, Paris 2018)
Aus dem Französischen von Cornelia Wend
Edition Nautilus, Hamburg 2025. 101 Seiten, 16 Euro/ca. 24 Franken
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Bild: Pascal Ito
Jérôme Leroy,
geboren 1964 in Rouen in der Normandie, war während rund zwanzig Jahren Französischlehrer an verschiedenen Schulen im Norden Frankreichs, vor allem in Roubaix. Seinen ersten Roman „L’Orange de Malte“ (1990) schrieb er während seiner Zeit im Militär.
Inzwischen publizierte er mehr als 15 Romane, mehrere Gedichtbände und eine ganze Reihe von Jugendbüchern. Zum sogenannten Néo-Polar, dem Krimi als gesellschaftskritischem Roman, kam er durch einen Freund, den Schriftsteller Frédéric H. Fajardie, einen der Pioniere der modernen französischen Kriminalliteratur. Für Leroy ist die Kriminalliteratur inzwischen „eine zeitgemässe Form der Geschichtsschreibung“.
In seinem Politthriller „Le Bloc“ (2011, Deutsch: „Der Block“, 2017) geht es um die Machtergreifung einer rechtsextremen Partei in Frankreich, der als Schlüsselroman über den Front National gilt. Auf diesem Roman basiert der Spielfilm „Chez nous“ (2017) des belgischen Regisseurs Lucas Belvaux; Leroy wirkte auch am Drehbuch mit. Auf Deutsch erschienen sind auch seine Romane „Die Verdunkelten“ (2018), „Der Schutzengel“ (2020), „Terminus Leipzig“ (2022), ein Gemeinschaftswerk mit dem deutschen Autor Max Annas, und „Die letzten Tage der Raubtiere“ (2023). „Die letzte Französin“ („La petite gauloise“) ist im Original 2018 erschienen.
Jérôme Leroy lebt in Lille, der Grossstadt ganz im Norden Frankreichs an der Grenze zu Belgien.