Ein Mann für Lösungen, nicht für Erklärungen
Der erste Satz
„Du bist meine liebste Narbe“, sagt Papá und tätschelt die Stelle an seinem Unterarm, auf die er meinen Namen tätowiert hat: ÁMBAR.
Krimi der Woche ∙ N° 10/2025 ∙ Hanspeter Eggenberger
„Als ich zwölf war, hat Papá mir beigebracht, Kugeln zu entfernen und Wunden zu nähen. Mit dreizehn habe ich schiessen gelernt und ein paar Monate später, wie man ein Auto kurzschliesst.“ Jetzt ist sie fünfzehn. Sie heisst Ámbar Mondragón, aber diesen Namen verschweigt sie im Alltag; sie und ihr Papá Victor Mondragón, mit dem sie lebt, seit sich ihre Mutter aus dem Staub gemacht hat, reisen unter ständig wechselnden Namen, halten sich nicht lange am gleichen Ort auf. „Alles war zum Wegwerfen gedacht. Unsere Kleider. Unsere Identitäten. Immer wenn wir in ein neues Dorf oder eine neue Stadt kamen, legten wir uns neue Namen zu.“
Ámbar ist die Erzählerin in dem Roman des Argentiniers Nicolás Ferraro, der ihren Vornamen als Titel trägt. Die amerikanische Ausgabe, die in den USA derzeit für den Edgar Allan Poe Award nominiert ist, hat den Titel aus dem ersten Satz des Buches: „My Favorite Scar“ (was insofern etwas irreführend ist, dass „meine liebste Narbe“ ein Zitat des Papá ist und nicht der Icherzählerin). „Ámbar“ ist ein dreckiger, harter, brutaler Noir. Eine Mischung aus Flucht-, Road-Trip und Rache-Saga mit Elementen einer überraschend feinfühligen Coming-of-Age-Geschichte.
Victor ist im argentinischen Hinterland als Gangster unterwegs. Seine Teenager-Tochter ist immer dabei, steht schon mal Schmiere oder fährt das Auto, meist aber wartet sie in einer Absteige auf Papá, nicht selten, um ihn dann zu verarzten. Was, wie, warum passiert, versucht sie sich selbst zusammenzureimen, Papá spricht kaum darüber. „Papá ist ein Mann für Lösungen, nicht für Erklärungen, und das wird sich nicht ändern, nur weil ich es gern so hätte.“
Eigentlich hat er Ámbar versprochen, sich zurückzuziehen und sesshaft zu werden. Doch seine Versprechen halten nie lange. Nur noch einmal, sagt er, muss er jetzt in die wüste Welt der Banden, um seinen Freund, der getötet wurde, zu rächen. Und um zu verhindern, dass die Mörder nun hinter ihm her sind. Um zu erfahren, wer hinter dem Mord an seinem Freund steckt, soll er für eine Drogenbaronin eine Ladung gestohlenes Kokain zurückholen. Dabei gerät er in der Grenzregion zwischen Argentinien, Brasilien und Paraguay in die Hölle. Denn bald sind die Gegner ihm selbst auf der Spur, und auch Ámbar gerät in ihr Visier.
Da gibt es reichlich Gewalt und Action, doch in erster Linie geht es in diesem eindrücklichen Kriminalroman um die Fünfzehnjährige, die durch ihr Leben eher eine junge Frau als ein Mädchen ist. Ihr fehlen Wurzeln, ein Umfeld mit vertrauenswürdigen Menschen, ein Leben, das nicht durch die kriminelle Energie des Vaters bestimmt wird, durch Gewalt und Flucht. Nach all den unbeständigen Jahren hat sie genug, will nicht mehr nur als Anhängsel mit ihrem Vater unterwegs sein. Sie hat es satt, ihr Leben immer wieder von vorne beginnen zu müssen, ständig Geschichten zu erfinden, keine Freundschaften schliessen zu können. Doch einen sicheren Rückzugsort kennt sie nicht: „Der einzige Ort, an den wir zurückkehren können, ist zu uns selbst. Und das ist ein beschissener Ort.“
Wertung: 4,4 / 5
Nicolás Ferraro: Ámbar
(Original: Ámbar. Editorial Revólver, Buenos Aires 2021)
Aus dem Spanischen von Kirsten Brandt
Pendragon, Bielefeld 2025. 214 Seiten, 22 Euro/ca. 33 Franken
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Bild: Sebastián Barraud
Nicolás Ferraro,
geboren 1986 in Buenos Aires, Argentinien, verdiente sich während seines Studiums zum Grafikdesigner an der Universität von Buenos Aires seinen Lebensunterhalt mit Pokerspielen. Heute ist er als Koordinator des Zentrums für Kriminalliteratur an der argentinischen Nationalbibliothek tätig. Durch die Neo-Noir-Third-Person-Shooter-Videospielserie Videospiel „Max Payne“ entdeckte er die Noir-Literatur, und Krimis wurden für ihn sogleich zur Leidenschaft.
Sein Debütroman „Dogo“ wurde 2016 in Argentinien veröffentlicht und war Finalist für den Preis Extremo Negro. „Cruz“, sein erster Roman, der ins Englische übersetzt wurde, wurde in Argentinien, Mexiko und Spanien veröffentlicht und war Finalist für den Dashiell Hammett Award. „Ámbar“ ist nun sein erster Roman, der auf Deutsch erscheint. In den USA ist er unter dem Titel „My Favorite Scar“ erschienen und ist in der Kategorie Bester Roman für den renommierten Edgar Allan Poe Award der Mystery Writers for Amercia (NWA) nominiert (Verleihung am 1. Mai 2025 in New York).