Brüche, Betrug, Brutalität und Bullen in Berlin

Der erste Satz
Sie waren zu dritt unterwegs in einem zwanzig Jahre alten Benz mit polnischen Kennzeichen.

Krimi der Woche ∙ N° 09/2025 ∙ Hanspeter Eggenberger

Rasant, witzig, fesselnd, aber alles andere als oberflächlich, dafür sehr noir ist auch der vierte Berlin-Thriller von Johannes Groschupf. Wie wir das von ihm inzwischen schon gewohnt sind, brilliert er im neuen Roman „Skin City“ mit scharfen Beobachtungen und einer lebensnahen Sprache, die sich etwa in den vielen knackigen Dialogen manifestiert. Und er braucht wenig mehr als zweihundert Seiten, um überzeugend verschiedene Lebenswelten in der Grossstadt zu skizzieren, die er raffiniert zu einem komplexen Plot zusammenführt.

Mit drei Protagonisten sind wir in Berlin unterwegs. Da ist einmal Koba, der vor ein paar Wochen aus Tiflis in die Stadt gekommen ist, um einem Onkel einen Gefallen zu tun. Zusammen mit zwei Kollegen bricht er in Häuser ein, die von anderen Kollegen zuvor ausgekundschaftet worden sind. Sie arbeiten eine Liste ab, die achtzig, neunzig Adressen umfasst. Schnell rein und raus, ist ihre Methode. Meist gelangen sie über Terrassentüren, die sich leicht aufbrechen lassen, in die Häuser in den mehrbesseren Aussenvierteln, wo sie zu zweit nach Geld, Schmuck und anderen kleinen Wertsachen suchen. Der Dritte wartet mit dem Auto, einem alten Benz, den sie in Polen übernommen haben. Abends wird die Tagesbeute bei den Chefs abgeliefert.

Dann ist da Jacques Lippold, den sie im Gefängnis Tegel zu seinem stetigen Ärger „Jacke“ genannt haben. Zweieinhalb Jahre sass der vormalige „Finanzberater“ wegen Betrugs. Jetzt ist er raus, und er will sich als Kunstberater etablieren; seine Mutter ist Kunsthistorikerin, von daher kennt er sich ein bisschen aus. Und gut reden kann er, wohlhabende potenzielle Kunden wickelt er leicht um den Finger. Doch Lippold hat auch noch eine Rechnung offen mit einem ehemaligen Tegel-Insassen, der ihm seine teure Uhr geklaut hat. Und seine unkontrollierten Gewaltausbrüche sind der neuen Karriere wenig dienlich.

Auf der anderen Seite des Gesetzes steht, jedenfalls im Prinzip, Romina Winter. In Groschupfs vorherigem Roman „Die Stunde der Hyänen“ fiel sie als schlaue und taffe Ermittlerin beim Branddezernat auf. Jetzt ist sie im „Kriminaldauerdienst“ in Lichterfelde tätig. „Sie hatte sich dorthin versetzen lassen, um eine ruhige Kugel zu schieben. Dienst nach Vorschrift, in einer Gegend mit normalen Menschen, am Samstag einen Ehestreit schlichten, am Montag eine Katze vom Baum holen, am Dienstag einen Einbruch aufnehmen. Von der Innenstadt hatte sie genug.“ Sie ist die erste Romni, die die Polizeiakademie Berlin abgeschlossen hat, und sie macht sich auf ganz eigene Art über Roma-Klischees lustig: Sie stibitzt ihrem gutmütigen Kollegen Frank-Walter Meier, den sie Steinmeier nennt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Geldbeutel.

Über Romina überschneiden sich die Handlungsstränge. Koba bricht in ihrem doch so beschaulichen Revier ein. Lippold lässt seine Brutalität an Familienangehörigen von Romina aus. Dass das alles nicht gut kommt, wundert nicht.

Virtuos ergänzt Johannes Groschupf mit „Skin City“ das in seinen drei vorherigen Romanen entworfene grosse Berliner Zeitbild durch weitere kraftvolle Striche. Fertig ist das Bild gewiss noch nicht; wir warten jedenfalls gespannt auf die nächste Erweiterung.

Wertung: 4,5 / 5

Johannes Groschupf: Skin City
Suhrkamp, Berlin. 234 Seiten, 17 Euro/ca. 24 Franken

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Bild: Mike Auerbach

Johannes Groschupf,

geboren 1963 in Braunschweig, wuchs in Lüneburg auf. Er studierte Germanistik, Amerikanistik und Publizistik an der Freien Universität Berlin. Er war viele Jahre als Reisejournalist unter anderem für „Die Zeit“, „Frankfurter Allgemeine“ und „Frankfurter Rundschau“ in der ganzen Welt unterwegs.

1994 überlebte er einen Hubschrauberabsturz in der Sahara, bei dem er schwere Verbrennungen erlitt. Vier Jahre später veröffentlichte er das Radio-Feature „Der Absturz“, in dem er sich mit diesem Unfall und den Folgen auseinandersetzte; er wurde dafür mit dem den Robert-Geisendörfer-Preis ausgezeichnet.

Seither schreibt er Bücher, zunächst Romane für Jugendliche wie „Lost Places“ (2013), „Der Zorn des Lammes“ (2014), „Das Lächeln des Panthers“ (2015), „Lost Girl“ (2017) und „Lost Boy“ (2017). Seit 2019 erscheinen von ihm hervorragende Noir-Thriller mit Berlin als Schauplatz, die schon mehrfach ausgezeichnet wurden: „Berlin Prepper“ (2019), „Berlin Heat“ (2021), „Die Stunde der Hyänen“ (2022) und nun „Skin City“.

Groschupf hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Berlin.


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Ein Mann für Lösungen, nicht für Erklärungen

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