Hirsch auf holprigen Pisten

Der erste Satz
In jener entlegenen Gegend stand man, wenn man eine Schaffarm von der Grösse eines europäischen Fürstentums besass, hocherhobenen Hauptes da.

Krimi der Woche ∙ N° 08/2025 ∙ Hanspeter Eggenberger

In der Stadt Adelaide ist er bei seinen Vorgesetzten in Ungnade gefallen, weil er zur Korruption unter den Kollegen nicht schweigen wollte. Deshalb tut Hirsch nun in einem Kaff im öden Hinterland Dienst, wo eine Patrouillenfahrt durch sein Revier zu einer Tagesreise wird. Hirsch heisst mit vollem Namen Paul Hirschhausen, sein offizieller Rang bei der Polizei ist Senior Constable. Er ist der einzige Beamte auf der Wache in Tiverton; wenn er unterwegs ist, heftet er seine Mobilnummer an die Türe. Sein Arbeitsalltag: „Er beurkundete Unterschriften, schlichtete einen Zaun-Streit, ermittelte im Fall eines gestohlenen Aufsitzmähers – wobei er vorschlug, dass der Besitzer in Zukunft seine Scheune abschliessen sollte – und führte eine halbe Stunde nördlich des Ortes eine ergebnislose Strassen-Alkoholkontrolle durch.“

Das mag für einen Kriminalroman etwas unspektakulär klingen. Doch der australische Altmeister Garry Disher hat für seinen sympathischen Helden, der jetzt in „Desolation Hill“ seinen vierten Auftritt bekommt, natürlich schon etwas mehr in petto. Aber einen Fall am Anfang, den der Protagonist dann im Verlauf der Geschichte löst, wie es in vielen simplen Krimis üblich ist, serviert Disher nicht. Stattdessen sind es viele verschiedene Fälle oder Vorkommnisse, mit denen Hirsch konfrontiert wird. Er weiss aber, „dass er den Menschen nie umfänglich helfen konnte, niemals all die Probleme anpacken oder wegräumen konnte, die ihm in den Weg kamen“.

Mit einer Frau aus Belgien macht Hirsch sich auf die Suche nach deren Sohn, der in der Region war und sich plötzlich nicht mehr gemeldet hat. Im Strassengraben brennt ein Koffer. Im Koffer steckt eine Leiche. Hirschs Freundin und deren Tochter werden Opfer von hinterhältigem Cybermobbing. Eine Sperrmüllsammlung im Ort erweist sich als fiese Geschäftsidee einer Familie, die Hirsch immer wieder Probleme beschert. Jetzt geht auch noch der Kampfhund der Familie auf das Baby los, was übel endet. Ein Ultraleichtflieger, von dem aus Flugaufnahmen gemacht werden, ist verschwunden. Das ist nur ein kleiner Einblick in Hirschs Aktivitäten im neuen Disher, der zur Zeit der Covid-Pandemie spielt, die ebenfalls für Aufregung sorgt. Und zu all dem müssen sich die Hüter der öffentlichen Ordnung auch noch mit Rassisten und einer Rekrutierungskampagne von Rechtsextremisten befassen. Hirschs Vorgesetzte in der nahen Kleinstadt stöhnt: „Weiss der Himmel, aber dieses Jahr sind die Spinner alle aus ihren Löchern gekrochen.“

Der mit über 75 Jahren immer noch unermüdliche Garry Disher schreibt neben Einzeltiteln verschiedene Reihen. Mein Favorit ist die Serie mit dem Berufskriminellen Wyatt. Bei seinen Romanen um Polizeibeamte hat sich Hirsch für mich schon mit dem ersten Roman vor Inspector Challis positioniert. Wobei das aber keineswegs heisst, dass die Challis-Romane nicht gut wären, bewahre! Aber Hirsch, dieser etwas melancholische Polizist in der Einöde, der findet, „dass einer der wichtigsten Aspekte bei seiner Arbeit darin bestand, den mit Sorgen Beladenen und Einsamen zuzuhören“, geht einem einfach nahe. Dabei hilft auch sein kritischer Geist, der ihm immer mal wieder Schwierigkeiten mit der Dienstaufsicht beschert. Diesmal weil ein Video kursiert, auf dem er einen Impfgegner „Covidiot“ nennt.

In den Hirsch-Romanen spiegelt Disher ebenso schlüssig wie unterhaltsam zahlreiche Aspekte des Lebens, das für die ganz unterschiedlichen Charaktere selten glatt verläuft. Oder, wie Hirsch einfällt, als er mit seinem Dienst-Hilux einmal mehr über eine holprige Piste rumpelt: „»Holprige Piste«, das klang ganz nach seinem Lebensmotto.“

Wertung: 4,5 / 5

Garry Disher: Desolation Hill
(Original: Day’s End. The Text Publishing Company, Melbourne 2022)
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Unionsverlag, Zürich 2025. 346 Seiten, 24 Euro/ca. 32 Franken

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Bild: Darren James

Garry Disher,

geboren 1949 in Burra, South Australia, ist auf einer Farm in Südaustralien aufgewachsen und wollte schon als Kind Schriftsteller werden. Er studierte zunächst Geschichte an der Adelaide University und bereiste dann Europa und Afrika. Nach der Rückkehr schrieb er eine Masterarbeit an der Monash University. Gleichzeitig begann er Kurzgeschichten zu schreiben, und er erhielt ein Stipendium für ein Creative Writing Fellowship an der Stanford University. Während vielen Jahren lehrte er in Melbourne neben seiner schriftstellerischen Arbeit kreatives Schreiben.

Inzwischen ist er längst einer der bekanntesten australischen Schriftsteller. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, neben Kriminalromanen auch andere Romane, Kinder- und Jugendbücher sowie Sachbücher zur Geschichte Australiens und über das Schreiben. 1996 wurde sein Roman „The Sunken Road“, der auf Deutsch nicht erschienen ist, für den Booker Prize nominiert.

Zu Dishers Krimis zählen insbesondere drei herausragende Serien. Bisher sieben Bände (Deutsch im Zürcher Unionsverlag) umfasst die Serie mit Inspector Challis, der auf der Mornington-Halbinsel arbeitet. In der 1991 gestarteten Reihe um den Berufsverbrecher Wyatt (Deutsch bei Pulp Master) sind bisher neun Bände erschienen. Seit 2020 gibt es die Serie mit dem aufs Land verbannten Polizisten Paul „Hirsch“ Hirschhausen, in der jetzt der vierte Titel „Desolation Hill“ erschienen ist.

Mehrere von Dishers Krimis waren auf der Shortlist für den Ned Kelly Award, den wichtigsten Krimipreis Australiens, den er für zwei Bücher und schliesslich auch für sein Gesamtwerk gewann. Seine Bücher erscheinen auch in den USA und in Grossbritannien sowie in mehreren anderen Sprachen. Vor allem im deutschen Sprachraum sind sie sehr erfolgreich.

Garry Disher lebt auf der Halbinsel Mornington südöstlich von Melbourne im australischen Bundesstaat Victoria.


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