Griechische Tragödie als modernes Gangsterdrama
Der erste Satz
Danny Ryan sieht die Frau dem Wasser entsteigen, sie taucht auf wie ein Bild aus einem Traum vom Meer, wie eine Vision.
Krimi der Woche ∙ N° 21/2022 ∙ Hanspeter Eggenberger
Der amerikanische Starautor Don Winslow, der vor allem mit seiner „Kartell“-Trilogie über den Drogenkrieg Furore machte, stammt aus dem kleine US-Bundestaat Rhode Island in Neuengland. Diesen und dessen Hauptstadt Providence macht er zum Schauplatz des Auftakts einer neuen Krimi-Trilogie. Es seien seine letzten drei Romanen, teilte der 68-Jährige im April mit. Nach „City on Fire“ wird in einem Jahr der zweite, in zwei Jahren der dritte Band erscheinen. Die Bücher seien geschrieben, und er werde sich in Zukunft voll und ganz dem Kampf gegen Donald Trump und den „Trumpism“ widmen.
Politik steht in seinem neuen Roman nicht im Vordergrund, spielt aber durchaus eine Rolle. Etwa wenn er ätzt, das eine inoffizielle Staatsmotto von Rhode Island laute „Ich kenne jemanden“, das andere „Hättest du’s wissen sollen, wüsstest du’s“. Im Mittelpunkt von „City on Fire“ stehen Auseinandersetzungen zwischen Gangstern in Providence in den Achtzigerjahren. Insbesondere zwischen der irischen und der italienischen Mafia, aber bald sind auch die Schwarzen involviert.
Am Anfang herrscht noch entspannte gegenseitige Akzeptanz zwischen den Nachkommen der irischen und der italienischen Einwanderer. Doch die nachrückende Generation der Italiener will mehr, und da kommt ihnen gerade recht, dass ein junger irischer Tunichtgut einem Italiener die Freundin ausspannt. Da muss die Ehre verteidigt werden, und mit diesem Vorwand beginnt ein harter Bandenkrieg.
Hauptfigur ist der irischstämmige Danny Ryan. Teile von Schiffsladungen im Hafen abzweigen und Lastwagen überfallen sind sein Ding. Mit Drogen will er nichts zu tun haben, und die Hände blutig machen will er sich auch nicht. Trotz Deeskalationsversuchen steht er aber bald mitten in mörderischen Auseinandersetzungen. Und sieht sich selbst als Heuchler, der eine Todsünde begeht, um seine Seele zu retten.
Don Winslow bezieht sich auf die alten griechischen Tragödien, insbesondere auf Aischylos, bei dem es schon alle Themen des modernen Kriminalromans gegeben habe: Macht, Mord, Rache, Korruption, Gerechtigkeit, Erlösung. Mit seiner Trilogie wolle er eine moderne Version dieser Geschichten erzählen.
Sein modernes Gangsterdrama ist nicht frei von Klischees und erliegt zuweilen einer Romantisierung des Gangstertums. Doch er setzt sich von Romanen, bei denen es dabei bleibt, deutlich ab, unter anderem, indem er Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Rassismus thematisiert. Auch weil er Frauen profilierter zeichnet, als dies im Genre üblich ist. Und mit seinem handwerklichen Können sorgt er dafür, dass die Geschichte immer unterhaltsam bleibt. Ich werde die Fortsetzung auf jeden Fall lesen.
Wertung: 3,9 / 5
Don Winslow: City on Fire
(Original: City on Fire“, William Morrow, New York 2022)
Aus dem Englischen von Conny Lösch
HarperCollins, Hamburg 2022. 375 Seiten, 22 Euro/ca. 30 Franken
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Bild: Don Winslow/Fb
Don Winslow,
geboren 1953 in New York City, wuchs an der Küste von Rhode Island auf. Er studierte an der University of Nebraska afrikanische Geschichte und arbeitete unter anderem als Privatdetektiv sowie als Safarileiter in Kenia und China, bevor er Militärgeschichte zu studieren begann.
Anfang der 1990er startete er seine Schriftstellerkarriere mit der Serie um den privaten Ermittler Neal Carey. Spätestens seit dem Meisterwerk „The Power of the Dog“ (2005; Deutsch: „Die Tage der Toten“, 2010) zu den erfolgreichsten Autoren des Genres. Nach diesem Drogenkrieg-Epos brillierte er mit ein paar witzigen Südkalifornien-Surfer-Krimis, die auf Deutsch vor „Die Tage der Toten“ erschienen sind. Inzwischen hat Winslow mehr als 20 Bücher veröffentlicht. „Savages“ wurde 2012 von Oliver Stone verfilmt und machte Winslow definitiv zum Star. Neben seinen brillanten Romanen erschienen auf Deutsch auch wenig überzeugende Werke wie „Vergeltung“ und „Missing. Germany“, die auf Englisch gar nicht veröffentlicht wurden. Mit „Das Kartell“ (2015) und „Jahres des Jägers“ (2019) baute er die Geschichte von „Die Tage der Toten“ eindrücklich zur insgesamt mehr als 2500 Seiten umfassenden „Kartell-Trilogie“ aus. Zurzeit sind mehrere Filmprojekte, die auf Werken von Winslow basieren, in Arbeit.
Don Winslow tritt für die Legalisierung der Drogen ein, da nur eine Entkriminalisierung den Kartellen und Banden das Geschäft legen könne. Vor allem während der Trump-Präsidentschaft begann Winslow sich mehr und mehr politisch zu engagieren. Zur Veröffentlichung von „City on Fire“, den Auftakt einer Gangster-Trilogie, kündigte er im April 2022 an, nun keine weiteren Romane zu schreiben. Die beiden Fortsetzungen, die im Frühjahr 2023 und im Frühjahr 2024 erscheinen werden, seien bereits geschrieben. Er werde sich jetzt mit seiner „digitalen Armee“ voll und ganz seinem politischen Engagement gegen ein Comeback von Donald Trump und gegen den „Trumpism“ widmen. Winslow lebt in Südkalifornien und in Rhode Island.