Mina kann auch Marlowe
Der erste Satz
Ich saß am Schreibtisch, Füße hoch, und hielt mich an eine Flasche Stimmungspolitur, die ich in der Schublade hatte.
Krimi der Woche ∙ N° 20/2026 ∙ Hanspeter Eggenberger
Wieso soll man dies lesen und nicht lieber zu den Originalen greifen?, frage ich mich meistens bei neuen Geschichten mit klassischen Krimihelden. Zu oft bleibt es bei einem handwerklich mehr oder weniger gelungenen Nachahmen des Vorbildes oder, schlimmer, es ist nicht mehr als ein müder Abklatsch. Denn was auf den ersten Blick als einfache Aufgabe erscheinen mag, stellt Autorinnen und Autoren, die es richtig gut machen wollen, vor vielfältige Herausforderungen. Einerseits müssen sie so nahe am Vorbild bleiben, dass die Figur „stimmt“ und nicht einfach nur den gleichen Namen trägt. Anderseits müssen sie eigene originelle Ideen einfliessen lassen, die der Geschichte einen neuen Dreh geben. Schon diese beiden Anforderungen führen zu einer Gratwanderung, bei der auf beiden Seiten der Absturz droht. Dazu kommt, dass man die Originalwerke sehr gut kennen muss und sie am besten wirklich liebt.
Die schottische Noir-Queen Denise Mina bringt die Voraussetzungen für ein solches Unterfangen mit, wie ihr – vom Raymond Chandler Estate autorisierte – Philip-Marlowe-Roman „Die grosse Hitze“ (Original: „The Second Murderer“) wunderschön beweist. Dass sie als Feministin die Klassiker von Raymond Chandler liebt, mag manche wundern, doch es zeigt, dass ihr Geist durch keinen Tunnelblick beschränkt wird. Und es sind ihr Faible für selbst denkende Frauen und ihre Sympathie für queere Menschen – die man damals noch nicht so nannte – und Outsider, die ihrer neuen Marlowe-Geschichte eine ureigene Note geben. Und das, ohne die Originalfigur zu verraten.
Minas Marlowe ist ein tolles Lesevergnügen. Man spürt bei der Lektüre die Fabulierlust, die sie beim Schreiben gepackt haben muss. Lustvoll spielt sie mit den Schauplätzen in Los Angeles, dem Zeitgeist zu Beginn der Vierzigerjahre, dem typischen Chandler-Stil mit vielen witzigen Metaphern. Und sie bereichert die frühe Marlowe-Epoche mit gesellschaftlichen und sozialen Aspekten, die es damals auch schon gab, über die zu schreiben zu der Zeit aber kaum möglich war, wenn man ein breiteres Publikum erreichen wollte. Mina integriert das sehr leichthändig, ohne erhobenen Zeigerfinger, in die Handlung
Wie bei Chandler ist auch bei Mina der eigentliche Krimi-Plot nicht das wichtigste. Hier wie dort kämpft sich der melancholische Privatdetektiv durch eine undurchsichtige Handlung. Er ist auf der Suche nach einer verschwundenen jungen Frau, Erbin einer der reichsten Familien Kaliforniens. Die Geschichte führt ins Kunstmilieu, da gibt es Künstler, Galeristen, Sammler, Museumsstifter, aber auch Taxifahrer, Bedienstete, arbeitslose Filmkomparsen und Säufer. Und Mina lässt auch Ann Riordan auftreten, der Marlow in schon in Chandlers „Lebwohl, mein Liebling“ (1941) begegnet ist. Marlowe trifft zudem auf Menschen aus allen Schichten, von den Reichsten oben auf den Hügeln bis zu den verlorenen Seelen in düsteren Bars, die schon mal so mies sind, „dass Ratten sich beim Rausgehen die Füße abwischen“, oder „die auch als Notaufnahme durchgegangen“ wären: „Männer lagen halb auf Tischen, auf dem klebrigen Bartresen, einer schlief auf dem Hocker, eine brennende Kippe klebte an seiner trockenen Lippe, aus seinem Bart stieg der beißende Mief von verbranntem Haar.“
Zuweilen überkommt Marlowe das Gefühl, selbst zu diesem Bodensatz der Gesellschaft zu gehören. In einer Absteige für diese Menschen, dem Alhambra Hotel, landet er im Vollsuff. Als er da verkatert herumklönt, weist die Betreiberin, die den Namen Sunshine Aziz trägt, den Schnüffler scharfsichtig zurecht: „Die sind kaputt. Du bist traurig. Ist was anderes.“
Und Marlow bemüht sich, Haltung zu zeigen. Seinen Werten und Prinzipien treu zu bleiben. Der Wahrheit verpflichtet zu sein, sich mehr für Gerechtigkeit als für das Recht zu engagieren, sich nicht korrumpieren zu lassen, schon gar nicht von Reichen. Dennoch muss er am Ende nochmals hoch auf den Hügel, auf den er eigentlich nicht mehr wollte, „aber die hartnäckige gesellschaftliche Konvention, die man Miete zahlen nennt, brachte mich dazu“.
Wertung: 4,4 / 5
Denise Mina: Die große Hitze
(Original: The Second Murderer. Harvill Secker, London 2023)
Aus dem Englischen von Else Laudan
Ariadne im Argument Verlag, Hamburg 2026. 302 Seiten, 24 Euro/ca. 34 Franken
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Bild: Tim Duncan (CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons)
Denise Mina,
geboren 1966 ins East Kilbride, Schottland, wuchs in Glasgow, Paris, London, Den Haag, Invergordon, Bergen und Perth auf. Ihr Vater war Ingenieur in der Erdölbranche, weshalb die Familie in 18 Jahren 21 Mal umzog. Denise Mina verliess die Schule mit 16 Jahren und jobbte in einer Fleischfabrik, in Bars, als Köchin und als Krankenpflegehelferin.
Sie besuchte eine Abendschule, um Jura an der Glasgow University Law School studieren zu können, wobei sie, wie sie selbst sagt, ihr Stipendium dazu missbraucht habe, ihren ersten Roman zu schreiben: „Garnethill“ (Deutsch: „Schrei lauter, Maureen“, 1999) erschien 1998 und gewann den John Creasy Dagger der Crime Writers’ Association für den besten Erstlingskriminalroman. Auf die damit begonnene Garnet-Trilogie (1998–2002) folgte eine dreiteilige Reihe um Paddy Meehan (2005–2007), gefolgt von der Alex-Morrow-Reihe mit fünf Bänden (2009–2014) und etliche weitere Romane
Insgesamt hat Denise Mina bisher mehr als ein Dutzend Romane veröffentlicht und gilt als „Queen of Tartan Noir“; als Tartan Noir wird die schottische Noir-Kriminalliteratur bezeichnet, die vor allem von William McIlvanney mit „Laidlaw“ (1977) begründet wurde.
Daneben ist die engagierte Feministin auch Autorin von Shortstorys, Bühnenstücken und Comics, und sie schreibt für TV und Radio. 2014 wurde sie in die Hall of Fame der britischen Crime Writers’ Association aufgenommen. Sie lebt in Glasgow..