Sucht und Sehnsucht und die Suche nach sich selbst

Der erste Satz
Die heilige Rosalia. Schutzpatronin der Stadt Palermo.

Krimi der Woche ∙ N° 13/2025 ∙ Hanspeter Eggenberger

Frank Göhre reiste, wie er im Nachwort zu seinem neuen Kriminalroman erzählt, Anfang der 1990er Jahre zum ersten Mal nach Palermo, wo er zur Hochzeit eines deutschen Freundes mit einer Sizilianerin eingeladen war. Einer Eingeladenen wurde von einem vorbeifahrenden Mopedfahrer die Umhängetasche entrissen. Als der Brautvater davon erfuhr, entschuldigte er sich für einem Moment. Wenig später kam er zurück – mit der Tasche samt vollständigem Inhalt. Den Vorfall bezeichnete er als „Missverständnis“. Anlässlich dieser Reise erlebte Göhre nicht nur, wie in der Hauptstadt Siziliens gewisse Dinge geregelt werden können, er lernte auch das Grand Hotel et des Palmes kennen, in dem berühmte Mafiosi wie Lucky Luciano abgestiegen waren und Treffen abhielten. Und in dem der französische Schriftsteller, Schachtheoretiker und Erfinder Raymond Roussel 1933 ums Leben kam.

„Familientreffen im Grand Hotel“ betitelte Göhre eine Textcollage über ein Mafia-Gipfeltreffen in diesem Haus, die 2012 bei CulturMag/CrimeMag veröffentlicht wurde (und die er im Nachwort dem neuen Buch beigefügt hat). Sechs Jahre später, 2018, schrieb er am gleichen Ort zum 85. Todestag von Roussel einen ebenso erhellenden wie schönen Text über den Franzosen unter dem Titel „Der lang ersehnte Weg ins Paranoide“. Darin weist er auch auf die schlampigen Ermittlungen zum Tod im Hotel hin, über die 1971 schon Leonardo Sciascia ein schmales Büchlein geschrieben hat („Atti relativi alla morte di Raymond Roussel“; Deutsch: „Der Tod des Raymond Roussel“, 2002). Tod durch eine Überdosis von Medikamenten wurde festgestellt. Ob Suizid oder Unfall blieb offen. Ob jemand nachgeholfen hat, wurde trotz Ungereimtheiten gar nicht untersucht. Am Tag nach der Nacht des Todes schloss die Polizei den Fall.

2025 nun erfreut uns Göhre mit einem Kriminalroman, der von Roussels Ableben in dem legendären Hotel in Palermo inspiriert ist: „Ich nenne ihn Jean-Paul Durand. Ich mache seine Geschichte zu meiner Geschichte. Mein Blick ist auf das gerichtet, was ihn umtrieb. Seine Sucht und seine Sehnsucht, seine Suche zu sich selbst. Seine Hoffnung und sein Scheitern.“

„Sizilianische Nacht“ ist, wie wir das vom deutschen Noir-Altmeister Göhre kennen, ein kompakter Roman, der sich in einem Zug lesen lässt. Nicht nur des Umfangs wegen, sondern vor allem weil die Erzählungen einen schnell in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Fiebrig flirrende Erinnerungen des drogensüchtigen Roussel, irgendwo zwischen Wahn und Traum, wechseln sich mit Szenen aus dem Palermo von 1933. „Niemand hatte es eilig. Was auch immer in der Stadt passiert war oder gerade geschah, wurde als nicht dringlich empfunden. Schlägereien, Belästigungen, Diebstähle. Es würde nichts ändern, wenn man in übermässige Betriebsamkeit verfiel.“ Mafiosi, Faschisten in schwarzen Hemden, Hotelmitarbeiter und ein Commissario der Polizei gehören neben Roussel und seiner Entourage – eine „Madame“, die den homosexuellen Autor begleitet und deren Handeln dubios ist, sein junger Chauffeur, dann auch sein pensionierter Chauffeur – zum Personal. Und Rosalia, die Stadtheilige von Palermo, wegen der Durand überhaupt nach Palermo gereist ist. In diesen Tagen im Juli wird sie gefeiert. Dieser Heiligen fühlt Durand sich nahe. „Ich erhoffe mir von Angesicht zu Angesicht mit ihr eine Art Heilung. Das Fest zu ihren Ehren soll auch mein Fest sein.“ Danach will er in ein Sanatorium in der Schweiz, um seine Sucht zu bekämpfen. Doch sein Leben endet in der Nacht vom 13. auf den 14. Juli 1933 in Zimmer 224 im Grand Hotel et des Palmes in Palermo.

Wertung: 4,2 / 5

Frank Göhre: Sizilianische Nacht
CulturBooks, Hamburg 2025. 162 Seiten 17 Euro/ca. 24 Franken

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Bild: Wikimedia

Frank Göhre,

geboren 1943 in Tetschen-Bodenbach im Sudentenland, heute Tschechien, wuchs in Bochum auf. Nach einer kaufmännischen Lehre machte er eine Lehre als Buchhändler. Er arbeitete dann in Bochum, Köln und Essen als Buchhändler und Bibliothekar und in Verlagen. Für den Willi-Weismann-Verlag in München war er ab 1977 als Lektor tätig.

1971 veröffentlichte er sein erstes Buch „Costa Brava im Revier“. Inzwischen hat er neben zahlreichen Romanen und Erzählungen auch einige Drehbücher geschrieben, darunter für die TV-Reihe „Tatort“. Zusammen mit Regisseur Carl Schenkel zeichnete er für das Drehbuch des Kinofilms „Abwärts“ (1984) verantwortlich. Für „St. Pauli Nacht“ (1997) von Sönke Wortmann wurde er mit dem Deutschen Drehbuchpreis ausgezeichnet.

Sein erster Kriminalroman, „Der Schrei des Schmetterlings“ (1986), der erste Band seiner Kiez-Trilogie, wurde mit dem Deutschen Krimipreis geehrt. Diesen Preis erhielt er auch für die Kriminalromane „Der Auserwählte“ (2010) und „Verdammte Liebe Amsterdam“ (2020).

Frank Göhre hat sich intensiv mit dem Schweizer Schriftsteller Friedrich Glauser (1896–1937) auseinandergesetzt, der als Vater der modernen deutschsprachigen Kriminalliteratur gilt. In den 1980er Jahren hat er Glausers Werke neu herausgegeben. 2009 veröffentlichte er im Zürcher Unionsverlag unter dem Titel „Mo“ den „Lebensroman des Friedrich Glauser“. Sein Interesse an grossen Meistern der Kriminalliteratur zeigen auch die zusammen mit Alf Mayer geschriebenen Bücher über Ed McBain („Cops in the City“, 2016) und über Elmore Leonard („King of Cool“, 2019).

Seit 1981 lebt Frank Göhre als freier Autor in Hamburg.


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