Steinzeit-Krimi
Der erste Satz
„Eine Baugenehmigung?“
Krimi der Woche ∙ N° 45/2024 ∙ Hanspeter Eggenberger
Für Laurence ist es „ein beschissener Alptraum“. Als sie, ohne Baugenehmigung, hinter dem neu gekauften Haus in der Dordogne einen Swimmingpool ausbaggern lässt, stossen die polnischen Schwarzarbeiter auf eine Höhle. Da sie da Gebeine sehen, rufen sie einen Priester. Der ist ehemaliger Paläontologe und erkennt in der Höhle sofort ein ziemlich spektakuläres Zeugnis des Aurignacien (Wikipedia: „Das Aurignacien ist die älteste archäologische Kultur des europäischen Jungpaläolithikums, und zeitgleich mit der Ausbreitung des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) in weiten Teilen West-, Mittel- und Osteuropas.“). Und er benachrichtigt sofort eine Studienkollegin, die darauf spezialisiert ist.
Das ist die Ausgangslage des neuen Romans „Finger ab“ der Französin Hannelore Cayre. Die Präsentation der Erforschung der Höhle in der Dordogne durch die feministische Paläontologin, die der Priester gerufen hat, bildet quasi die Rahmenhandlung der Geschichte. Die Hauptgeschichte indes geht 35'000 Jahre zurück zur Stammesgemeinschaft, deren Frauen an den Wänden der „Höhle der Ahnfrauen“ ihre Handabdrücke mit abgeschnittenen Fingern verewigten. Abgehackt wurden ihnen Fingerglieder, wenn sie sich nicht so verhielten, wie die Männer es verlangten. Aber da ist Oli, die sich als Frau nicht von dem für sie verbotenen Jagen abhalten lässt, die sich die Männer vom Leibe hält und schliesslich den „Ältesten Onkel“, den Chef des Stamms, umbringt.
Trotz dieses Mordes ist „Finger ab“ nicht wirklich ein Krimi. Der Roman handelt primär vom Aufstand einer Frau gegen patriarchale Strukturen in der Steinzeit. Und wie sie damit zur wohl ersten Feministin wird. Das ist flott erzählt, zuweilen auch witzig und ein bisschen subversiv, wie wir uns das von Hannelore Cayre gewohnt sind. Anderseits wirkt das Ganze aber auch ziemlich didaktisch – Cayre stützt sich auf die neuere paläontologische Forschung –, und der Fortgang der Geschichte ist rasch (zu) absehbar. Ein bisschen kommt es mir vor wie ein Jugendbuch, bei dem auf komplexe und differenzierte Zusammenhänge verzichtet wird, um an der vorgeblichen Stringenz der Hauptthese ja keine Zweifel aufkommen zu lassen. Das kommt mir etwas steinzeitlich vor.
Wertung: 3,3 / 5
Hannelore Cayre: Finger ab
(Original: Les doigts coupés. Editions Métailié, Paris 2024)
Aus dem Französischen von Iris Konopik
Ariadne im Argument Verlag, Hamburg 2024. 203 Seiten, 15 Euro/ca. 22 Franken
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Bild: Louise Carrasco/Wikimedia
Hannelore Cayre,
geboren 1963 in Neuilly-sur-Seine, die ihren nicht sehr französischen Vornamen ihrer österreichischen Mutter verdankt, war zunächst in der Filmbranche tätig. Den Job als Finanzchefin einer Filmproduktionsfirma gab sie zugunsten der Rechtswissenschaften auf und wurde Strafverteidigerin. 1991 wurde sie bei einem Autounfall in Chile beinahe querschnittgelähmt.
Sie hat mehrere Drehbücher geschrieben und eigene Kurzfilme realisiert. Seit 2004 veröffentlichte sie bisher sieben Romane. Im Zürcher Unionsverlag sind vor Jahren zwei Romane um den Lumpenadvokaten Leibowitz auf Deutsch erschienen, „Der Lumpenadvokat“ (2007; „Commis d’office“, 2004) und „Das Meisterstück“ (2008; „Toiles de maître“, 2005). „Commis d’office“ hat Hannelore Cayre selbst verfilmt.
2019 erschien bei Ariadne im Hamburger Argument Verlag der Roman „Die Alte“ (Original: „La daronne“, 2017), der mit dem Grand Prix de Littérature Policière ausgezeichnet worden war. Die Verfilmung von „La daronne“ durch Regisseur Jean-Paul Salomé mit Isabelle Huppert in der Titelrolle kam 2020 in die Kinos. „Reichtum verpflichtet“ (2021; „Richesse oblige“, 2020) und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Prix du Noir Historique. „Les doigts coupé“ (2024), jetzt als „Finger ab“ auf Deutsch, wird in Frankreich als „erster prähistorischer Noir-Roman“ bezeichnet.
Hannelore Cayre lebt in Paris.