606 Häftlinge auf der Flucht
Der erste Satz
Für Emily Jackson war der Tod des Busfahrers ein verstörendes Schauspiel.
Krimi der Woche∙ N° 01/2022 ∙ Hanspeter Eggenberger
Alle Insassen eines Gefängnisses in Nevada sind auf der Flucht. 606 Männer, darunter Schwerstverbrecher aus dem Todestrakt, spazierten aus dem Knast, nachdem eine raffiniert eingefädelte Erpressung die Wärterinnen und Wärter dazu brachte, alle Tore zu öffnen. Ein Bus mit Angehörigen der Belegschaft, die zum jährlichen Softballspiel der Wärter gegen Gefangene anreisten, wurde gestoppt, der Fahrer erschossen, die Menschen im Bus von Scharfschützen ins Visier genommen. Nach dem Ausbruch beginnt die Jagd auf die Flüchtigen.
„The Chase“ heisst der neue Thriller der australischen Autorin Candice Fox im Original, „606“ ist der Titel der deutschen Fassung. Es ist ein ebenso ungewöhnlicher wie spektakulärer Gefängnisausbruchsroman. Wie schon in ihrem letzten Buch „Dark“ vor einem Jahr kombiniert sie auch hier fulminant eine ganze Reihe von Geschichten, von denen jede für die meisten Autoren Stoff für einen ganzen Roman liefern würde, zu einem vielschichtigen Ganzen. Das ist handwerklich virtuos gemacht, wie man es von Candice Fox kennt. Hat man zwischendurch mal das Gefühl, ein Element bewege sich etwas gar weit vom zentralen Plot weg, kriegt die Autorin auf ihrem rasanten Höllenritt die Kurve jedes Mal doch noch rechtzeitig.
Ausbruchsthriller konzentrieren sich in der Regel entweder auf die Verfolgung der Kriminellen durch die Polizeikräfte, oder sie begleiten Ausbrecher auf der Flucht. Fox macht in „606“ beides – und noch mehr. Zu den zentralen Geschichten gehört die des Ausbrechers John Kradle, der in der Todeszelle sass, weil er seine Familie getötet hatte. Doch er beteuert schon immer seine Unschuld und will die Flucht nutzen, um diese zu beweisen. Doch da ist Celine Osbourne, die Chefin des Todestraktes, die durch die Ermordung ihrer Familie durch ihren Grossvater traumatisiert ist und Kradle für einen der übelsten Verbrecher hält, den es dringendst zu fassen gilt. Die rüde Einsatzleiterin, US Marshall Trinity Parker, will sich aber auf zwei gefährliche Terroristen konzentrieren, einer davon ein Neonazi, der einen üblen Anschlag plant.
Der Roman, der nur so sprüht von originellen Ideen, folgt all diesen Figuren und noch einigen mehr. Beiläufig thematisiert er innerbetriebliche Reibereien im Knast, Rassismus, mangelhafte Polizeiermittlungen, prekäre Familienverhältnisse, Terrorismus, Betrugsmechanismen und anderes mehr. Er bleibt aber immer spannend, es gibt reichlich schrägen Humor und viel Action. Wie in einem temporeichen Actionfilm geht das manchmal ein bisschen zu Lasten der inhaltlichen Tiefe. Unterhaltsam ist es aber alleweil.
Wertung: 4 / 5
Candice Fox: 606
(Original: The Chase. Bantam Australia, Sydney 2021)
Aus dem Englischen von Andrea O’Brien
Suhrkamp, Berlin 2021. 468 Seiten, 16,95 Euro/ca. 25 Franken
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Bild: John Heweston
Candice Fox,
geboren 1985 in Bankstown, einer Vorstadt von Sydney in Australien, wuchs bei Pflegeeltern in einer eher exzentrischen Grossfamilie mit „Halb-, Adoptiv- und Pseudogeschwistern“ auf. Schon als Teenager begann sie zu schreiben. Zwischen Schule und Studium war sie kurz in der Royal Australian Navy. Nach dem Studium gab sie Literaturkurse an der University of Notre Dame Australia in Sydney.
Bevor ihr erster Roman von einem Verlag angenommen wurde, habe sie rund 200 Absagen erhalten, erzählte sie in Interviews. „Hades“, der erste Band einer schrägen Trilogie um ein Geschwisterpaar, das bei der Polizei arbeitet, daneben aber auf eigene Faust Verbrecher abserviert, die sich der Justiz entziehen können, erschien 2014 und wurde mit dem bedeutenden Ned Kelly Award für das beste australische Krimidebüt ausgezeichnet, der Folgeroman „Eden“ mit dem Award für den besten Roman des Jahres. Die drei Romane – „Hades“, „Eden“, „Fall“ – sind unter den Originaltiteln auf Deutsch erschienen (Suhrkamp), ebenso die dreiteilige Crimson-Lake-Serie mit dem unkonventionellen Ermittlerduo Ted Conkaffey und Amanda Pharrell: „Crimson Lake“, „Redemption Point“ und „Missing Boy“. Vor einem Jahr erschien der Standalone „Dark“. Fox hat zudem zwischendurch etwa ein halbes Dutzend Romane als Co-Autorin des amerikanischen Bestsellerproduzenten James Patterson, der mit einer ganzen Reihe von Autoren zusammenarbeitet, geschrieben.
„Crimson Lake“ wird vom in Australien unter dem Titel „Troppo“ zurzeit als achtteilige TV-Serie verfilmt. Candice Fox, die sich als „Handwerkerin, Tierliebhaberin und Weintrinkerin“ beschreibt, lebt in Sydney.