Schuld & Rache & Rock ’n’ Roll

Der erste Satz
„Frieden …“, war von Weitem noch zu hören.

Krimi der Woche ∙ N° 05/2025 ∙ Hanspeter Eggenberger

Köln, 1959. Die Stadt ist noch gezeichnet vom Krieg. Doch es herrscht auch Aufbruchsstimmung. Für Adi, Gisela und Hagen trägt dazu der Rock ’n’ Roll bei, der sie mit immer wieder neuen Rhythmen und Klängen fasziniert. Doch der Tod eines Freundes von Adi trübt die Zuversicht der Jugendlichen: Karl wurde nach einer Demonstration gegen die Wiederbewaffnung der Republik von einem Auto angefahren und tödlich verletzt. Adi, der mit Karl unterwegs war, glaubt nicht an einen Unfall mit Fahrerflucht, sondern ist überzeugt, dass hinter dem Zusammenstoss brutale Absicht steht. Vor allem auch, als er entdeckt, dass nachts in der Autowerkstatt, die er von seinem Zimmer aus sieht, an so einem „Barockengel“ (so wurde der Fünfzigerjahre-Oberklasse-BMW seiner Fomen wegen genannt), wie der, der Karl erwischt hat, der beschädigte Kotflügel ausgetauscht wird. Da „man nicht zur Polizei geht“, wollen die Jugendlichen selbst herausfinden, wer der Fahrer ist.

In „Tanz im Dunkel“ von Max Annas wird wohl zu Rock ’n’ Roll getanzt, im Dunkel treiben sich aber auch üble Figuren herum, die dem Nationalsozialismus nicht nur nachtrauern, sondern ihn zurückbringen wollen. Die des Nachts Hakenkreuze an Mauern pinseln, heimliche Versammlungen abhalten und ein Bild von Bundeskanzler Adenauer als Scheibe für ihre Schiessübungen benutzen. Darunter sind sowohl alte Nazis wie auch junge Menschen.

Bei der Beobachtung des Barockengel-Besitzers kommen Adi, Gisela und Hagen einem mysteriösen Mann in die Quere, der ebenfalls im Dunkel der Stadt unterwegs ist. Er arbeitet eine Liste ab, auf der auch der BMW-Fahrer steht. Es ist eine Todesliste: Der Mann nimmt Rache an Kölnern, die in irgendeiner Art an der Enteignung und Vertreibung seiner Familie beteiligt waren. Dazu gehört auch ein Pfarrer. Und der Polizist, der den Tod von Karl untersucht. Als Weihnachtsbescherung gibt es einen heftigen Showdown, bei dem alle noch lebenden Protagonisten aufeinander treffen.

Max Annas, der sich in seinem Werk schon verschiedenen Themen der deutschen Historie gewidmet hat – darunter deutscher Kolonialismus zu Beginn des letzten Jahrhunderts, Rassismus in der DDR, Terrorismus in der BRD –, zeichnet in seiner stimmungsvollen und spannenden Geschichte ein facettenreiches Bild des Zeitgeistes und der politischen Realität im Deutschland der Fünfzigerjahre. „So war das in Westdeutschland im Jahr 1959. Niemand hatte eine Ahnung. Und natürlich nie eine gehabt.“

Wertung: 4 / 5

Max Annas: Tanz im Dunkel
Suhrkamp, Berlin 2025. 238 Seiten, 17 Euro/ca. 26 Franken

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Bild: Michele Corleone

Max Annas,

geboren 1963 in Köln, war Musikjournalist, Sachbuchautor und Dokumentarfilmer. Er veröffentlichte Bücher zu Popkultur, Politik und Sport. Längere Zeit lebte er in Südafrika, wo er für die University of Fort Hare in East London an einem Forschungsprojekt über südafrikanischen Jazz arbeitete.

In Südafrika spielen auch seine beiden brillant konzipierten Romane „Die Farm“ (2014) und „Die Mauer“ (2016), deren Handlungen sich auf eine Nacht beziehungsweise einen Tag konzentrieren. Wie in diesen Werken setzt sich Annas auch in den in Deutschland angesiedelten Romanen „Illegal“ (2017) und „Finsterwalde“ (2018) mit Rassismus auseinander, ebenso in den drei in der DDR spielenden „Morduntersuchungskommission“-Kriminalromanen (2019, 2020, 2022). Um den Terrorismus in Deutschland in den 1970er Jahren dreht sich „Der Hochsitz“ (2021); auch in „Terminus Leipzig“ (2022), einem Gemeinschaftswerk mit dem Franzosen Jérôme Leroy, geht es um Terrorismus. Kolonialismus ist das Thema des historischen Krimis „Berlin, Siegesallee“ (2024). Bereits fünf Mal wurde Annas mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.

Seit 2016 lebt Max Annas in Berlin.


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Zwischen Realität und Inszenierung

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